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Schulter­schmerzen im Sport: Warum wir nicht nur die Schulter behandeln

Schulterschmerzen haben oft funktionelle Ursachen jenseits des Gelenks. Wie der osteopathische Blick auf HWS, BWS und Faszien helfen kann.

Louis Malejka24. August 2026 10 Min.
Schulter­schmerzen im Sport: Warum wir nicht nur die Schulter behandeln

#Das Wichtigste in Kürze

  • Schmerz bedeutet nicht automatisch Gewebeschaden: Eine unauffällige Bildgebung (MRT, Ultraschall) erhärtet den Verdacht auf ein funktionelles und nicht strukturelles Problem.
  • Schulterschmerzen haben nicht immer eine rein lokale Ursache — häufig spielen funktionelle Zusammenhänge eine Rolle, die über das Schultergelenk hinausgehen.
  • Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule, Rippen, Faszien und sogar das Zwerchfell können die Schulterfunktion beeinflussen.
  • Der osteopathische Ansatz ergänzt die klassische Schulterbehandlung, indem er diese Zusammenhänge systematisch untersucht und mitbehandelt.
  • Ziel ist es, individuell herauszufinden, welche Faktoren im jeweiligen Fall eine Rolle spielen — und die Voraussetzungen für eine nachhaltige Regeneration zu schaffen.

#Ein Fallbeispiel aus unserer Praxis

Ein 37-jähriger Freizeit-Tennisspieler stellte sich mit Schmerzen in der rechten Schulter vor. Die Beschwerden bestanden seit etwa vier Monaten und traten vor allem beim Aufschlag sowie bei Überkopfbewegungen auf.

Bereits durchgeführt wurden:

  • Ultraschall und MRT – ohne Hinweis auf eine klare strukturelle Ursache
  • Trainingspause und Einnahme von Schmerzmitteln
  • manuelle physiotherapeutische Behandlungen
  • Kräftigungs- und Dehnübungen

Trotz dieser Maßnahmen kam es zu keiner nachhaltigen Besserung der Beschwerden.

#Untersuchung der Schulter

Zunächst wurde die Schulter selbst gezielt untersucht. Dabei steht vor allem die Beweglichkeit des Schultergelenks – des sogenannten Glenohumeralgelenks – im Fokus. Entscheidend ist, wie gut die Drehbewegungen (Außen- und Innenrotation) sowie das Anheben des Arms (Abduktion) möglich sind.

Ergänzend wird die Bewegung des Schulterblatts beurteilt. Wichtig ist hier das Zusammenspiel zwischen Schulterblatt und Oberarm, der sogenannte scapulohumerale Rhythmus. Ist dieses Zusammenspiel gestört, kann es zu Überlastungen und Schmerzen kommen.

Auch das Schlüsselbein wird in die Untersuchung einbezogen, da es eine zentrale Verbindungsstruktur zwischen Rumpf und Schulter darstellt. Untersucht werden sowohl das Gelenk zwischen Brustbein und Schlüsselbein (Sternoklavikulargelenk) als auch das Gelenk zwischen Schlüsselbein und Schulterdach (Akromioklavikulargelenk).

Bei unserem Patienten zeigte sich dabei:

  • eine leicht eingeschränkte Abduktion im Endbereich
  • reduzierte Innenrotation der rechten Schulter
  • ein gestörter Bewegungsrhythmus zwischen Schulterblatt und Oberarm

Besonders auffällig war, dass das Schulterblatt bei Überkopfbewegungen nicht ausreichend mitbewegte. Dadurch kam es zu einer erhöhten mechanischen Belastung im Schultergelenk – ein typischer Befund bei funktionellen Schulterbeschwerden.

#Blick über die Schulter hinaus

#Durchblutung (arteriell)

Einschränkungen im Bereich des Schlüsselbeins werden häufig unterschätzt. Dabei können gerade hier funktionelle Störungen zu einer verminderten Durchblutung führen.

Bei unserem Patienten zeigte sich:

  • eine eingeschränkte Beweglichkeit des Schlüsselbeins, insbesondere im Bereich des Sternoklavikulargelenks
  • eine erhöhte Spannung im Bereich unterhalb des Schlüsselbeins (pectoraler Bereich)

Diese Kombination kann zu einer funktionellen „Engpass-Situation" führen, bei der Gefäße (Arteria subclavia) und umliegende Strukturen leicht komprimiert werden.

Die Folge ist eine reduzierte Versorgung des Schultergewebes, was die Regeneration zusätzlich erschwert und bestehende Beschwerden aufrechterhalten kann.

#Halswirbelsäule

Die motorische Nervenversorgung der Schulter erfolgt überwiegend über die Segmente C5 bis Th1. Diese Nerven bündeln sich im sogenannten Plexus brachialis, einem Nervengeflecht, das den gesamten Arm versorgt.

Einschränkungen in der Halswirbelsäule können daher direkte Auswirkungen auf die Schulter haben – insbesondere auf die Muskelsteuerung und Koordination.

Auffällig waren bei unserem Patienten:

  • eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule
  • erhöhte Muskelspannung im Nackenbereich

Solche Befunde treten häufig im Zusammenhang mit Schulterbeschwerden auf. Sie können dazu führen, dass die Schultermuskulatur nicht optimal angesteuert wird – die Folge sind Fehlbelastungen und anhaltende Schmerzen.

#Zwerchfell und Leber

Ein häufig unterschätzter Bereich bei Schulterschmerzen ist das Zwerchfell. Es ist über Bindegewebsstrukturen unter anderem mit der Leber verbunden und über den Nervus phrenicus (C3–C5) nerval mit der Halsregion verknüpft.

Bei unserem Patienten zeigten sich:

  • eingeschränkte Beweglichkeit des Zwerchfells
  • erhöhte Spannung im rechten Oberbauch

Solche Spannungen können sich über nervale und fasziale Verbindungen auf die Schulter übertragen. In der Folge kann es zu ausstrahlenden Beschwerden kommen. Dieser Zusammenhang wird in der klassischen orthopädischen Betrachtung häufig nicht berücksichtigt, spielt jedoch in der Osteopathie eine wichtige Rolle.

#Brustwirbelsäule und Rippen

Das Schulterblatt gleitet auf dem Brustkorb. Daher ist eine gute Beweglichkeit der Brustwirbelsäule eine zentrale Voraussetzung für eine gesunde Schulterfunktion.

Darüber hinaus hat die Brustwirbelsäule auch Einfluss auf das vegetative Nervensystem und damit auf Muskelspannung und Durchblutung.

Studien zeigen, dass eine eingeschränkte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule mit einem erhöhten Risiko für Schulterbeschwerden einhergeht.

Bei unserem Patienten zeigten sich:

  • eingeschränkte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule
  • verminderte Beweglichkeit der Rippen
  • eingeschränkte Beweglichkeit des Schulterblatts

Diese Einschränkungen können die Biomechanik der Schulter deutlich verändern. Die Folge sind Fehlbelastungen, die langfristig zu Schmerzen und Überlastungsreaktionen führen können.

#Vegetatives Nervensystem

Auch das vegetative Nervensystem spielt im Zusammenhang zwischen Brustwirbelsäule und Schulter eine wichtige Rolle.

Sympathische Nervenfasern aus dem Bereich Th1 bis Th5 beeinflussen unter anderem:

  • die Durchblutung
  • die Gefäßspannung
  • den Muskeltonus

Einschränkungen in der oberen Brustwirbelsäule können daher funktionell Auswirkungen auf die Versorgung und Spannung im Schulterbereich haben. Dies kann Schmerzen verstärken und die Regeneration verlangsamen.

Auch der Verlauf des parasympathischen Nervensystems – insbesondere des sogenannten Vagusnervs – wurde in die Untersuchung und Behandlung mit einbezogen. Ziel ist es, das Gleichgewicht im Nervensystem zu unterstützen und die Selbstregulation des Körpers zu fördern.

In der Praxis bedeutet das: Der Körper bleibt in einer Art „Spannungsmodus", wodurch Muskeln schneller verspannen und Beschwerden länger bestehen bleiben können.

#Faszien des Rumpfes

Faszien sind Bindegewebsstrukturen, die verschiedene Körperregionen miteinander verbinden und Kräfte im Körper weiterleiten. Dadurch entsteht ein funktionelles Netzwerk, in dem Spannungen nicht nur lokal wirken, sondern sich über größere Bereiche ausbreiten können.

Bei unserem Patienten zeigten sich erhöhte Spannungen in folgenden Bereichen:

  • der Brustmuskulatur
  • dem Latissimus (breiter Rückenmuskel)
  • dem rechten Oberbauch (im Zusammenhang mit Zwerchfell und Leber)

Diese Spannungen können die Beweglichkeit der Schulter direkt beeinflussen und zu einer veränderten Belastung führen. Dadurch steigt das Risiko für Überlastungsbeschwerden und anhaltende Schmerzen.

#Die Behandlung

Ziel der Behandlung war es, die Voraussetzungen für eine bessere Regeneration zu schaffen und die Schulter langfristig zu entlasten.

Im Rahmen der osteopathischen Behandlung wurden folgende Bereiche einbezogen:

  • Hals- und Brustwirbelsäule
  • Rippen und Brustkorb
  • fasziale Spannungen im Rumpf
  • Zwerchfell und Oberbauch (insbesondere im Zusammenhang mit der Leber)
  • sowie die Schulter selbst

Ergänzend wurde ein individuelles Übungsprogramm erstellt, das gezielt auf die festgestellten Defizite abgestimmt war. Dieser kombinierte Ansatz aus manueller Behandlung und aktivem Training entspricht auch unserem Vorgehen im funktionellen Training.

#Verlauf

Bereits nach der ersten Behandlung zeigte sich eine verbesserte Beweglichkeit. Nach wenigen Terminen konnte der Patient sein Training wieder aufnehmen, die Schmerzen waren deutlich reduziert.

Wichtig: Jeder Verlauf ist individuell und nicht direkt übertragbar. Das Beispiel zeigt jedoch, dass eine erweiterte Betrachtung über die Schulter hinaus in bestimmten Fällen entscheidend sein kann.

#Fazit

Schulterschmerzen entstehen häufig nicht ausschließlich in der Schulter selbst. Oft spielen auch die Halswirbelsäule, die Brustwirbelsäule, die Rippen, fasziale Spannungen sowie Einflüsse aus dem Bauchraum eine Rolle.

Der osteopathische Ansatz berücksichtigt diese Zusammenhänge und ergänzt damit die klassische Behandlung sinnvoll.

Entscheidend ist eine individuelle Untersuchung: Ziel ist es, die Faktoren zu identifizieren, die im jeweiligen Fall tatsächlich relevant sind – und genau dort anzusetzen.

#Wann kann eine osteopathische Untersuchung sinnvoll sein?

Eine erweiterte funktionelle Diagnostik kann sinnvoll sein bei:

  • anhaltenden Schulterschmerzen trotz Therapie
  • wiederkehrenden Beschwerden ohne klare Ursache
  • unauffälliger Bildgebung (MRT, Ultraschall)

In diesen Fällen lohnt es sich, funktionelle Zusammenhänge im Körper genauer zu untersuchen — für einen differenzierten Blick, der über das Schultergelenk hinausgeht.

#Häufige Fragen zu Schulterschmerzen und Osteopathie

#Mein MRT zeigt keinen Befund — warum habe ich trotzdem Schmerzen?

Ein unauffälliges MRT schließt funktionelle Ursachen nicht aus. Muskuläre Dysbalancen, fasziale Spannungen oder Bewegungseinschränkungen in angrenzenden Regionen (Hals- oder Brustwirbelsäule) können Schulterbeschwerden verursachen, ohne dass sie in der Bildgebung sichtbar werden.

#Was unterscheidet den osteopathischen Ansatz von klassischer Physiotherapie?

Klassische Physiotherapie konzentriert sich oft auf die betroffene Region — in diesem Fall die Schulter. Die Osteopathie untersucht zusätzlich, ob funktionelle Einschränkungen in benachbarten Strukturen (Wirbelsäule, Rippen, Faszien, Organe) zur Problematik beitragen, und behandelt diese mit.

#Wie viele Behandlungen sind nötig?

Das ist individuell verschieden. In vielen Fällen zeigen sich erste Verbesserungen nach wenigen Behandlungen. Eine genaue Einschätzung erfolgt nach der funktionellen Untersuchung.

#Für welche Sportler ist dieser Ansatz besonders geeignet?

Grundsätzlich für alle Sportler mit anhaltenden Schulterbeschwerden — besonders bei Überkopfsportarten wie Tennis, Volleyball, Schwimmen oder Handball. Auch Kraft- und Klettersportler mit wiederkehrenden Schulterreizungen profitieren häufig von einer erweiterten Diagnostik.

#Medizinisch geprüft

  • Geprüft von: Prof. Dr. Oliver Tobolski
  • Fachgebiet: Ärztlicher Direktor Ortho4Sport Köln
  • Zuletzt aktualisiert: 2026-04-03

#Quellen

  1. Norlander S, Aste-Norlander U, Nordgren B, Sahlstedt B: "Mobility in the cervico-thoracic motion segment: an indicative factor of musculo-skeletal neck-shoulder pain." In: Scand J Rehabil Med. 1996;28(4):183-192.
  2. Theisen C, van Wagensveld A, Timmesfeld N, et al.: "Co-occurrence of outlet impingement syndrome of the shoulder and restricted range of motion in the thoracic spine." In: J Shoulder Elbow Surg. 2010;19(3):440-448. DOI: 10.1016/j.jse.2009.08.014.
  3. S2e-Leitlinie Subacromiales Impingement (AWMF-Registernr. 033-056), DVSE/DGOU, 2021. AWMF-Leitlinienregister
Louis Malejka

Louis Malejka

Sportwissenschaftler & Osteopath, Ortho4Sport Köln

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